BDP - Thüringen

Ortsgruppe Jena – Stellungnahme zur Coronakrise

Wir sind eine Gruppe junger Menschen, die sich ehrenamtlich im BDP Thüringen engagieren. Wir treffen uns einmal die Woche in unserer Ortsgruppe in Jena, diskutieren politische Themen, organisieren Ferienfahrten für Kinder und Jugendliche, gehen gemeinsam wandern und engagieren uns bei Protesten gegen Ungerechtigkeit, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Umweltzerstörung.
Auch an uns geht die gegenwärtige Corona-Krise nicht unbemerkt vorbei. Auch wir bleiben möglichst zuhause, vermeiden direkte Kontakte mit Freund*innen und unseren Familien, meiden öffentliche Plätze und haben unsere wöchentlichen Treffen ins Digitale verlegt. Der Schutz aller Menschen, für die SARS-CoV-2 eine erhebliche Bedrohung darstellt liegt uns am Herzen und hat auch für uns oberste Priorität.
Und doch fällt es uns schwer in der gegenwärtigen Lage einfach still zuhause sitzen zu bleiben. Was wir verspüren ist nicht nur die fehlende freie Bewegung und der fehlende soziale Kontakt, es ist auch die Wut über viele Dinge, von denen die Pandemie begleitet wird.

Als Gruppe eines Kinder- und Jugendverbandes kreisen viele unserer Sorgen um besonders diese jungen Menschen. Unser Blick in die Medien lässt uns immer wieder auf Berichten verharren, die die unhaltbaren Zustände in den europäischen Flüchtlingslagern und an den europäischen Außengrenzen beschreiben. Während wir uns täglich mehrfach die Hände waschen, gibt es dort kaum Wasser oder Seife. Während wir Abstand halten, leben Menschen dort auf engstem Raum,(1) während die Grenzen dicht bleiben und Gewalt gegen Schutzlose ausgeübt wird.(2) Dieses Vorgehen der EU und ihrer Mitgliedstaaten ist für uns völlig inakzeptabel. Wir unterstützen auch aus diesen Gründen ausdrücklich die gegenwärtige Initiative ‚leave no one behind‘(3) und schließen uns den Forderungen nach einer umgehenden Evakuierung der Lager und der Aufnahme aller Schutz suchenden Menschen an.

Auch hier vor Ort in Thüringen sehen wir, wie die Pandemie bestehende soziale Ungleichheiten verschärft. Familien, die auch vorher weniger zeitliche und finanzielle Kapazitäten hatten, um ihre Kinder bei der Schulbildung zu unterstützen, werden besonders hart von der Krise getroffen. Teilweise fehlt auch zuhause die Infrastruktur, um ein effektives Home-Schooling zu ermöglichen. Langsames Internet, fehlende Drucker, zu wenige Computer oder keine eigenen Zimmer zum konzentrierten Lernen.(4) Menschen, die in kleinen Wohnungen leben, bekommen nun den wenigen Bewegungsraum noch stärker zu spüren und werden von der Krise nochmal anders getroffen als Menschen mit großem Haus samt Garten. Unsere Gedanken sind dabei auch bei vielen Kindern und Jugendlichen, mit denen wir gemeinsame Fahrten unternehmen. Diese sozialen Ungerechtigkeiten treten durch die Pandemie stärker ins Bewusstsein, sind jedoch Teil eines sozial ungerechten Wirtschaftssystems. Wir sind der Meinung, dass sich daran dringend etwas ändern muss.

Doch die Krise trifft nicht nur bei Klassenunterschieden härter. Auch das Geschlecht spielt dabei eine große Rolle. Die Mehrheit der nun ‚krisenrelevanten‘ Berufe in Medizin, Pflege und Grundversorgung wie im Einzelhandel wird von Frauen* ausgeübt, Berufe die einerseits mit einem hohen Infektionsrisiko verbunden andererseits in den meisten Fällen schlecht bezahlt sind.(5) Diese Diskrepanz muss dringend behoben werden. Dazu sind Frauen* während der Isolation vermehrt von innerfamiliärer, meist männlicher Gewalt getroffen.(6) Auch Kinder und Jugendliche sind von dieser Gewalt während der Corona-Krise in noch stärkerem Maße getroffen. Ihre zeitweisen Ausweichmöglichkeiten wie Schule, Sportverein, Jugendzentrum oder Jugendverband, stehen ihnen nicht wie gewohnt zur Verfügung, um der steigenden Gewalt zu entkommen. (7) Wenn eine ganze Gesellschaft über Wochen hinweg von Isolationsmaßnahmen betroffen ist, dann müssen ausreichend Ausweich-möglichkeiten für diejenigen geschaffen werden, für die das Zuhause eben nicht Sicherheit, sondern Gefahr bedeutet.

In unserem Verband bilden Demokratie und Partizipation zentrale Grundpfeiler, sowohl in der Kommunikation miteinander als auch bei Entscheidungsprozessen. Dass grundsätzliche demokratische Rechte im Zuge der Krise eingeschränkt werden, macht uns Sorgen. Wir kennen die gegenwärtige Situation und sind uns bewusst, dass zahlreiche Einschränkungen notwendig sind, um Menschen vor einer Infektion zu schützen. Wir sind aber der Meinung, dass die Aufhebung von Grundrechten zum Infektionsschutz mit Bedacht geschehen muss und dass Aufklärung und Information sowie dass Schaffen von Alternativangeboten besser sind als Verbote. Dass an mehreren Orten in der Bundesrepublik Versammlungen aufgelöst wurden, deren Teilnehmende sich erkennbar an die Auflagen zum Infektionsschutz hielten,(8) ist für uns nicht nachvollziehbar. Unsere Solidarität gilt den Menschen, die sich achtsam und solidarisch für Grundrechte engagieren und ihren Protest kundtun.

Eigentlich wollten wir in diesem Monat ein Seminar in der Gedenkstätte Buchenwald besuchen, uns 75 Jahre nach der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers mit den deutschen Verbrechen im Nationalsozialismus auseinandersetzen, mit dem Antisemitismus, dem Rassismus, der Menschenverachtung. Aufgrund der Corona-Krise musste diese Fahrt ausfallen. Nun sehen wir mit großer Sorge einen immer lauter werdenden Antisemitismus, auch in den medialen Öffentlichkeiten. Was sicher nie verschwunden war, tritt nun wieder mit mehr Selbstsicherheit hervor und antisemitische Verschwörungsideologien, die eine Verbindung zwischen dem Corona-Virus und Jüdinnen und Juden oder Israel behaupten, werden massenhaft geteilt.(9) Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, Organisationen und Strukturen, die zur Zielscheibe von Antisemitismus gemacht werden und positionieren uns gegen jede Form des Antisemitismus.

Ebenfalls mit Sorge sehen wir den wachsenden Rassismus zum Beispiel gegen Menschen, die als asiatisch gelesen werden.(10) Auch hier positionieren wir uns bedingungslos an der Seite aller Betroffenen und verwehren uns dagegen, dass Ausgrenzung und Rassismus Antworten auf die Krise sein sollen.
Nur wenige Wochen ist es her, dass ein rassistisch motivierter Attentäter in Hanau das Leben von zehn Menschen schlagartig beendete.(11) Wir wollen, dass diese Tat in der Krise nicht vergessen wird. Hanau war kein Einzelfall und Rassismus und Rechtsradikalismus bedrohen nach wie vor Menschenleben.(12) Der Kampf dagegen muss auch in Krisenzeiten endlich konsequenter und nachhaltiger geführt werden.

Für uns ist jedes menschliche Leben wertvoll. Auch dass immer mehr Stimmen in Politik und Wirtschaft laut werden, die den Tod von Menschen für akzeptabel halten, (13) sofern die Wirtschaft wieder angekurbelt werden kann, verurteilen wir ausdrücklich. Für uns gilt, dass Menschen mehr wert sein müssen als Wirtschaftsbilanzen und Profite. Wir wollen eine Ökonomie, die für die Menschen da ist – nicht andersrum!

Darum: Für solidarische Antworten auf die Corona-Krise. Gegen Ausgrenzung, Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeiten.

Eure Ortsgruppe Jena des BDP Thüringen

(1) Vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/moria-coronavirus-eu-101.html .
(2) Vgl. https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/monitor/videosextern/brutale-gewalt-europas-rechtsbruch-an-der-aussengrenze-100.html .
(3) Vgl. https://seebruecke.org/leavenoonebehind/aufruf/ .
(4) Vgl. https://taz.de/Bildungsungerechtigkeit-in-Coronazeiten/!5673481/ .
(5) Vgl. https://www.rnd.de/wirtschaft/soziologin-zur-coronakrise-die-frauenberufe-sind-in-diesen-zeiten-besonders-gefragt-ZSZRRPROXRBEZGBATFJVVVIVFA.html .
(6) https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/in-krisenzeiten-werden-maenner-gewalttaetiger .
(7) https://www.welt.de/politik/deutschland/article206938253/Corona-Roerig-sieht-Anstieg-von-Gewalt-gegen-Kinder.html .
(8) Vgl. https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/04/versammlungsfreiheit-corona-demo-berlin-ggsenat-.html .
(9) Vgl. https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/corona-antisemitismus-101.html .
(10) Vgl. https://www.zeit.de/campus/2020-03/rassismus-coronavirus-asiaten-husten-oeffentlichkeit-diskriminierung .
(11) Vgl. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-hass-auf-alles-schwache ; https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/elon-musk-das-ist-faschistisch-16748368.html ; https://www.rnd.de/politik/friedrich-merz-zu-aktueller-corona-lage-schon-jetzt-ist-zu-sehen-dass-die-stimmung-in-der-bevolkerung-kippt-PLT3AWCVMFASJOYMIT4TKKNFL4.html .
(12) https://www.hessenschau.de/gesellschaft/hanau-attentat-zu-wenige-antworten-auf-zu-viele-fragen,hanau-opfer-landtag-100.html .
(13) https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rassismus/todesopfer-rechter-gewalt/ .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.